Erkenntnisse aus der Jahrestagung 2026 der Medizinischen Gesellschaft für Paraplegie (DMGP)
Vom 10. bis 12. Juni 2026 fand in Fellbach die 39. Jahrestagung der DMGP statt, unter dem Motto „Querschnittzentrum: Wir sind ein Team“. Als RELiYOO waren wir mit einem Industrie-Workshop vertreten, in dem wir die Indikationsstellung für das LiVE One Entlastungssystem sowie Fallbeispiele aus dem klinischen Alltag vorstellten. Darüber hinaus wurde in drei wissenschaftlichen Beiträgen über klinische Ergebnisse mit dem LiVE One berichtet. Wir fassen die zentralen Erkenntnisse zusammen.
Das Abstract-Band der DMGP kann hier heruntergeladen werden. Wir geben Ihnen jedoch gerne eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse.
Sauerstoffversorgung im Sitzbereich messbar machen
Das Abstract mit dem Titel „Gewebesauerstoffsättigung im Sitzbereich: Erste Ergebnisse eines adaptiven Sitzkissens im Vergleich“, präsentiert von Tarcisi Cantieni, stellt eine erste Auswertung von den ersten 20 von bis zu 30 Probanden einer laufenden randomisierten kontrollierten Crossover-Studie vor. Erstmals wird die Gewebesauerstoffsättigung (StO₂) im Sitzbereich systematisch gemessen: mittels von der Universität Bern entwickelten flexiblen Nahinfrarotspektroskopie-Sensoren.
Trotz zahlreicher spezialisierter Sitzkissen auf dem Markt bleibt die Dekubitusrate bei Rollstuhlnutzenden mit Querschnittlähmung problematisch hoch. Die Studie setzt hier an: Sie will nicht nur den klinischen Nutzen des LiVE One nachweisen, sondern erstmals auch eine standardisierte Messmethode für den objektiven Kissensvergleich etablieren. Die vorläufige Auswertung der ersten Teilnehmenden zeigt, dass das adaptive Kissen eine statistisch signifikant günstigere Gewebesauerstoffversorgung aufweist (p<0.001).
Zentrale Erkenntnisse:
- Die erstmalige systematische StO₂-Messung unter Sitzdruck gibt Einsicht in das verhalten der Sauerstoffsättigung während des Sitzens.
- Das LiVE One zeigte bei 17 von 20 Teilnehmenden eine bessere Sauerstoffversorgung im Sitzbeinbereich als das individuelle Standardkissen.
- Die neu entwickelten flexiblen Sensoren werden künftig einen kontinuierlichen, objektiven Kissenvergleich im Alltag ermöglichen.
Diese Studie schafft erstmals eine messbare Grundlage, um Sitzkissen hinsichtlich ihrer druckentlastenden Wirkung objektiv zu vergleichen: ein wichtiger Schritt für die evidenzbasierte Versorgung von Menschen mit erhöhtem Dekubitusrisiko.
Qualitative Analyse der Benutzerperspektive
Der Vortrag „Den Kopf freibekommen, nicht das Problem lösen“, präsentiert von Annika Baumgartner, berichtet anhand qualitativer Interviews (vor und nach einer sechswöchigen Erprobungsphase des LiVE One) darüber, welche Erwartungen Rollstuhlnutzende mit Querschnittlähmung an ein intelligentes Sitzkissen haben und wie sie es im Alltag erleben.
Die Forscher berichten: Nutzende freuen sich nicht über die coole technische „Lösung“ für das Dekubitusproblem, sondern vor allem über die einfache Alltagsintegration und der mentalen Entlastung. Vertrauen in das System entsteht durch sich wiederholende Erfahrungen wie ausbleibende Hautverschlechterung. Wichtig zu betonen: Dieser Wunsch nach mentaler Entlastung darf nicht mit Sorglosigkeit verwechselt werden. Regelmäßige Entlastungspausen, aktive Entlastungsroutinen und konsequente Hautkontrollen bleiben unverzichtbar.
Zentrale Botschaften:
- Intelligente Funktionen werden durch die Nutzer pragmatisch bewertet: akzeptiert, wenn sie entlasten, und abgelehnt, wenn sie zusätzlichen Aufwand erzeugen.
- Vertrauen in die Technologie entsteht durch wiederholte positive Alltagserfahrungen: ausbleibende Rötungen und Hautverschlechterung.
Die Erkenntnisse sind ein wichtiges Feedback für unser Engineering- und Kommunikationsteam: Wer ein Produkt für Menschen mit Querschnittlähmung entwickelt, muss verstehen, wie diese es im Alltag erleben, und gleichzeitig sicherstellen, dass bewährte Präventionsprinzipien nicht in den Hintergrund geraten.
Wundheilung unter voller Alltagsbelastung
Das Abstract „Decubitusheilung im Sitzbereich unter voller Alltagsbelastung bei kompletter Paraplegie mittels optimierter Sitzanpassung und dynamischem Entlastungskonzept“, präsentiert von Dr. med. Simeon Berov Facharzt in REHAB Basel, schildert den Fall einer 66-jährigen Patientin mit seit 43 Jahren bestehender kompletter Paraplegie unterhalb Th6. Sie litt an einem zweitgradigen Druckulkus am rechten Trochanter, kombiniert mit einer komplexen Beckenschiefstellung, niedrigem BMI und einer täglichen Sitzzeit von rund 14 Stunden.
Trotz initial reduzierter Sitzzeit zeigte sich über Monate keine Verbesserung. Nach ergotherapeutischer Abklärung und gezielter Anpassung der Transfer- und Sanitärsituation stimmte die Patientin dem Wechsel auf das LiVE One zu. Das Ergebnis bei unveränderter Alltagsbelastung: Nach drei Wochen war die Wunde deutlich kleiner, nach fünf Wochen vollständig geschlossen.
- Wundheilung ist in gewissen Fällen ohne längere Entlastungsphasen möglich, wenn Ursachenanalyse, Sitzoptimierung und adaptives Entlastungsgerät kombiniert werden.
- Die Vorteilen des Vermeiden langer Liegephasen sind unter anderem reduziertes Risiko muskulärer und kardiovaskulärer Dekonditionierung und erhält die Teilhabe der Betroffenen.
Warum das wichtig ist
Die drei Beiträge zeigen aus unterschiedlichen Perspektiven (biomechanisch, nutzerzentriert und klinisch), dass das LiVE One Entlastungssystem einen messbaren Mehrwert für Menschen mit Querschnittlähmung bieten kann.
Nur durch den engen Austausch mit Medizinischem Fachpersonal, Forschenden und Betroffenen können wir relevante Technologien entwickeln. Wir arbeiten weiterhin in Kooperation mit medizinischen Einrichtungen, Universitäten und unseren Anwender:innen an der Weiterentwicklung unserer Produkte – und freuen uns schon jetzt auf den Austausch zu neuen Forschungsergebnissen bei künftigen Konferenzen.
Wir sehen uns bei der nächsten DMGP-Jahrestagung!
